Collage: „[M]an wusste, dass das Arbeiten am Fachgebiet auch nicht immer was Inhaltliches hat.“
Perspektiven aus dem und auf das Fachgebiet Erwachsenenbildung/politische Bildung

Im Rahmen der Verabschiedung von Helmut Bremer widmeten sich die (ehemaligen) Mitarbeitenden des Fachgebiets Erwachsenenbildung/politische Bildung in einer Collagenarbeit der Fragestellung „Was verbinde ich mit dem Fachgebiet Erwachsenenbildung/politische Bildung?“. Mit dieser kreativen Methode, die von jeher in diversen aus dem Fachgebiet hervorgehenden Forschungsvorhaben wie in der Lehre Anwendung findet, verfolgte die Gruppe das Ziel, einen würdigenden Rückblick auf das Arbeiten und Leben am Fachgebiet zu werfen. In spielerischer Absicht wollen wir im folgenden Blogbeitrag Einblicke in den Gestaltungsprozess dieser kollaborativen Collagenarbeit geben sowie die von der Gruppe entwickelten Ansätze einer – auch spannungsreich verlaufenen – Selbstinterpretation aufgreifen.


  1. Der Auftakt
  2. Die gemeinsame Collagenanfertigung
  3. Das reflektierte Bildgespräch: Themenschwerpunkte der Collage
    1. Gemeinschaft im Team: Zwischen Offenheit und Geschlossenheit
    2. Hedonistische Tendenzen
    3. Fachliche Perspektiven
    4. Das Herzstück der Collage: Helmut Bremer
  4. Schlussbetrachtung

1. Der Auftakt

Das Arbeiten und Forschen am Fachgebiet war schon immer begleitet von kreativen Methoden wie der Collagenarbeit, die in diversen Vorhaben der Forschung und Lehre, integriert in Gruppenwerkstätten1Bremer, Helmut & Teiwes-Kügler, Christel (2012). Gruppenwerkstatt. In Burkhard Schäffer & Olaf Dörner (Hrsg.), Handbuch Qualitative Erwachsenen- und Weitebildungsforschung. Verlag Barbara Budrich, S. 363–380. oder Utopiewerkstätten2Arens, Marion, Möllmann, Ariane, & Trumann, Jana (2017). Von der Utopiewerkstatt zur zukünftigen Stadtgestalt. (FGW-Impuls Integrierende Stadtentwicklung, 21). Forschungsinstitut für gesellschaftliche Weiterentwicklung e.V. und in Teilen gerahmt durch die Habitus-Milieu-Theorieperspektive umgesetzt wurde. Da war es schon sehr früh in den Überlegungen zur Verabschiedung von Helmut Bremer klar, dass die Collage in Einsatz kommen würde und auch im Blog Erwähnung finden sollte.

Im November 2025 kamen wir als eine kleine Gruppe aus aktuellen und ehemaligen Mitarbeitenden des Fachgebiets Erwachsenenbildung/politische Bildung zusammen, die sich alle schon in unterschiedlichen Kontexten (Lehrveranstaltungen, Tagungen, Sommerfeste, Weihnachtsfeiern, Semestereinstiege, Semesterausklänge – irgendwelche Gründe gab es immer für gesellige Zusammenkünfte) begegnet sind, und erstellten mithilfe von Bildmaterial aus Zeitschriften diverser Ressorts eine Collage unter der breiten Fragestellung „Was verbinde ich mit dem Fachgebiet Erwachsenenbildung/politische Bildung?“. Die Gestaltung dauerte insgesamt 110 Minuten, auf die das Bildgespräch mit etwa 90 Minuten zur Reflexion der Gestaltung folgte. 

2. Die gemeinsame Collagenanfertigung

Wir trafen uns gemeinsam an einem Freitagnachmittag in einem Besprechungsraum der Universität Duisburg-Essen. Nach einem kurzen Get-together im bekannten Kreis und die Aufbereitung des üblichen Materials für die Collagenanfertigung (Zeitschriften, Bastelutensilien fürs Schneiden und Kleben, verschiedene bunte Stifte und Papiere) einigten wir uns recht schnell darauf, dass wir alle gemeinsam an einer Collage auf einem großen Brownpaper arbeiten wollen. Entlang der Fragestellung haben wir zunächst Zeitschriften individuell gesichtet und nach Belieben Materialien ausgeschnitten. Manchmal wurden ausgeschnittene Teile bereits den anderen gezeigt oder vorläufig auf dem Brownpaper platziert und mit anderen Ausschnitten verbunden. Die Sichtung der Zeitschriften und das Ausschneiden passender Bildmotive oder Textfragmente waren stets begleitet von Gesprächen, die durch die Fundstücke angeregt wurden, und auch gemeinsamen Lachen. 

Vor einer großen Sammlung von Ausschnitten stehend haben wir die Zeitungsausschnitte gemeinsam nach möglichen Themenbereichen geordnet – hin und wieder war die Zuordnung auch nicht ganz klar, wurde noch mal verändert, und nicht alles konnte bis ins letzte Detail abgestimmt werden. Beim Fixieren der Ausschnitte, als letzter Schritt der Collagenanfertigung, ging die Gruppe eher getrennt vor; Personen an den jeweiligen Ecken des Brownpapers tauschten sich hauptsächlich untereinander als in der Gesamtgruppe aus, wobei weiterhin über die ‚eigene‘ Ecke hinaus kommuniziert wurde, wenn Ausschnitte zu dem jeweils anderen Themenbereich besser passten. Es wurde daher nicht alles von allen abgesegnet aufgeklebt, was einerseits angesichts der Fülle des Materials nicht realisierbar gewesen wäre, aber andererseits auch auf die gegenseitige Rücksichtnahme und kollektiv getragene Ermöglichung des eigenständigen Bastelns verweist. Ein Eindruck aus der Runde fasst den gesamten Anfertigungsprozess im Bildgespräch folgendermaßen zusammen:

Wir waren irgendwie schon sehr systematisiert, weil wir schon gesagt haben ‚Ach, das passt doch‘. Beim Ausschneiden, das passt doch zusammen, das passt zusammen. Und wir haben aber trotzdem noch eben irgendwo entweder eine Offenheit gehabt, weil wir Dinge nicht direkt aufgeklebt haben oder zum Ende hin gerade über diese Motive gesprochen haben. Die kamen ja dann auch eben ‚Ah ja, hier ist doch noch Platz‘. Das haben wir dann passend gemacht irgendwie.“

Das Zeichnen der Umrisse von Händen nach dem Klebeprozess markierte den Abschluss der Anfertigung, bevor die Gruppe in den Austausch über die Gestaltung und Inhalte der Collage überging.

3. Das reflektierte Bildgespräch: Themenschwerpunkte der Collage

Im Bildgespräch wurden Lesarten im Hinblick auf einzelne Bildelemente und -abschnitte sowie ihre Anordnung, sowohl im Gesamten als auch entlang von während der Anfertigung oder erst im Nachgang identifizierten Themenbereichen, entwickelt und diskutiert. Das war aber auch herausfordernd, weil es nicht dem üblichen Vorgehen einer Collagenauswertung entsprach, denn meist erläutern die Erstellenden lediglich ihr Vorgehen bei der Anfertigung. Die Auswertung wird dann meist von den forschenden Personen durchgeführt. Für das Gespräch saßen wir gemeinsam um die Collage herum, die auf eine Metaplanwand angebracht wurde, und stiegen über den Gesamteindruck der Collage ein. Dabei fielen uns unterschiedliche Aspekte in der Collage, ihrer Strukturierung und den abgebildeten Themen auf (z.B. Dominanz von Schriftsprache, individuelle Anpassungen von Textfragmenten durch handschriftliche Ergänzungen, überwiegend kleine Ausschnitte, keine sichtbaren Grenzen oder Abgrenzungen zwischen Ausschnitten, humorvolle Brechungen, eigene Ergänzung von Handumrissen rechts unten) in das Gespräch ein. Recht schnell kam es dazu, dass jede*r eigene Deutungen von Zeitungsausschnitten einbrachte oder sich über die je eigene Auswahl von Ausschnitten verständigte. Hierbei stellte sich heraus, dass Ausschnitte unterschiedlich assoziiert und begründet wurden und jede*r sich ihrer Bedeutung zu annähern versuchte, abhängig davon, wie die Ausschnitte mit anderen Ausschnitten in einen Zusammenhang gebracht wurden. In dem Blogbeitrag wollen wir vier Themenschwerpunkte anleuchten und darauf bezogene Lesarten versuchsweise entfalten.

3.1 Gemeinschaft im Team: Zwischen Offenheit und Geschlossenheit

Das Gemeinschaftliche im Team wurde unten links in der Collage festgehalten und zeigt sich besonders in Textausschnitten mit Aussagen wie „Team-Liebe“, „Ich war ein Niemand“, „EIN SAFE SPACE“ und „we are family“ „Ziemlich beste Freunde“.

In diesem Bereich der Collage (s. Abb. 3) deutet sich bereits die Wertigkeit des gemeinsamen Miteinanders an, was für die Gruppe mit Verbindungen beschrieben wird, die mit Freundschaft, Familie und Liebe assoziiert werden. Dies wird auch im Gespräch aufgegriffen: „Unten links war ja das Gemeinschaftliche. Da is es uns relativ einfach gefallen. Da kamen sehr viele Sachen zusammen, die das Team betreffen: ‚Teamliebe’, ‚Safe Space’, ‚Die Mischung macht’s’ Der Tisch als was Gemeinsames. [lachen] Das Boot, in dem alle drin sitzen.“ Gleichermaßen wird dies aber auch als eine überzeichnete Harmonie wahrgenommen, die im Zuge des kollaborativen Arbeitens an einer Collage konstruiert worden sein kann:

Und das viel so unten so viel so Harmonisches, so Gemeinschaftliches (im?) son bisschen so wie ähm auf ähm (..) auf den Collagen aus der Schweiz so äh wie äh stellt man sich den idealen Kindergarten vor, wo das auch so völlig überzeichnet war, äh wie toll und gute Laune und alles harmonisch. Also es is überhaupt nichts. Also ich sehe zumindest erstmal nichts irgendwie Konfliktartiges. Also sehr gemeinschaftlich “. 

So wird aus der Gruppe auch benannt, dass hiermit eine ideale Vorstellung abgebildet wird, in der durch die aufgeklebten Aspekte „erstmal nichts irgendwie Konfliktartiges“ zum Ausdruck kommt. Die Gemeinschaft wird zudem auch als Gegenpol zur akademischen Welt wahrgenommen, der der Funktion eines ‚Schutzraumes‘ gleichkommt: „Gut, das kam jetzt von mir, so hab ich das rausgeschnitten und meine Intention war dahinter, dass in der verkackten Wissenschaft das nen Ort war, wo man äh Gedanken frei aussprechen kann. […] Vorgehen frei entfalten kann. Und nich so festgezurrt is und sich nem bestimmten Code unterwerfen muss.“  Hervorgehoben wird hier besonders die Bedeutung, eigene Gedanken frei teilen und sich über das wissenschaftliche Arbeiten entfalten zu können, wofür die Gemeinschaft gegen fremdbestimmte Beschränkungen und Unterwerfungen eine entscheidende Grundlage bildet.

Die Gemeinschaft ermöglicht hierbei „ein kleiner Teil des Ganzen zu sein“, der Hoffnung in dem als „verkackt“ bezeichneten Wissenschaftssystem gibt. Zugleich kann diese Hoffnung auch als Anker für eine bessere Welt gedeutet werden, „wie man in Verbindung mit der Welt steht. Gemeinsam für ein besseres Morgen. Das macht uns Hoffnung. Alle an einem Tisch. Das ist auch was Einladendes“. Somit scheint die Gemeinschaft, mit ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit auch in die Gesellschaft hineinwirken zu wollen und darüber ihre Deutung von Wissenschaft, Forschung und politische Bildung herzuleiten, die wiederum als gemeinschaftsstiftend empfunden werden: „Es gibt hier dieses äh gemeinsame Projekt, dieses gemeinsame Herangehen, dieses gemeins- diese gemeinsame Art von //Zusammenarbeit auch//, Zusammenarbeit, aber auch Wissenschaft zu betreiben.

Dementgegen wird kritisch eingebracht, dass die Gemeinschaft und der Zugang zu ihr auch als etwas „Sektenhaftes“ nach außen tragen kann. So lassen sich in Ausschnitten wie „Ich war ein Niemand“ und „Ich habe geweint. Das war der Schock meines Lebens“ eine gewisse Verzweiflung und Isolation aus der Individuumsperspektive herauslesen, die durch den Übergang in die Gemeinschaft überwunden würden. Das Individuum könnte dann erst zu einem ‚Jemand‘ werden, wenn es diesen Übergang vollzieht. Allerdings bleibt offen, wie diese Übergänge eingeleitet und gestaltet werden, weshalb das positive Bild der Gemeinschaft von einigen im Gespräch zunehmend infrage gestellt und dahingehend beleuchtet wird, ob sich nicht auch Tendenzen zur Geschlossenheit in der Collage verbergen könnten: 

„Aber bei so bei dem, was du mit dem Abgrenzen meinst, ne? Also ich finds interessant. Also ich habs, als ich (?hierhin?) zurückgekommen bin für die kurze Zeit. Ich habs nich so erlebt. Ich fand es sehr inklusiv, hab mich sehr schnell eingefügt. Aber wenn ich jetzt so daran draufblicke, hätt ich tatsächlich, würd ich sagen ‚Boah, das is aber nen closed shop‘. ‚Liebe‘, ‚ziemlich beste Freunde‘. Das ist für nen Arbeitskontext schon sehr eng, wo du erst mal denken würdest, ‚boah, ob ich da reinkomme. Da gibts bestimmt viele Insider‘“.

Die Gemeinschaft, die über die Fachgebietsgrenzen hinaus sowie hinsichtlich Studierende unbestimmt bleibt, wird zwar als ein Möglichkeitsraum gefasst, der nach außen aber auch als „closed shop“ wirksam werden kann. Diese Kontroverse entzündet sich insbesondere an dem Motiv des Küchentischs (s. Abb. 4), in der die Abgrenzungsfrage im Versuch, eine Außenperspektive auf das Gemeinschaftsbild einzunehmen, verhandelt wird: 

A: Es is Gemeinschaft und Gesellschaft und alle an einem Tisch also es is nich. Also es gibt schon nen Zentrum irgendwie der der Gesellschaftlich- und Gemeinschaftlichkeit, aber es is irgendwie in sich also es is nich ausgrenzend, find ich.
B: Jaaa, dafür is mir der Tisch viel zu klein. Also dann äh find ich dann stehen andere drumherum und sind dann vielleicht etwas außerhalb der Gespräche. 
C: Also ich war im bei Ikea mit Seminaren hier und haben wir am runden Tisch gesessen, nh? Und haben geredet, wir waren im Shoppingcenter und haben da doch äh äh versucht da zusammen äh in so- soner Ecke da Seminar zu machen und so.  
D: Aber direkt daneben, da is ja noch ein Bild, wo 20 zwischen 20, 30 Personen alle am PC arbeiten.
E: […] [Erstaunen, Betonung] Da is es. [gemeinsames Lachen] Das ist die Rettung.“ 

In diesem zitierten Ausschnitt des Bildgesprächs, dem spezifisch die Frage vorausging, wo Studierende als zentrale Bezugspersonen im Kontext der eigenen Lehrtätigkeit auf der Collage auftauchen, wird nicht nur die symbolische Herstellung von Gemeinschaft über den Tisch vs. die Exklusivität des Tischs diskutiert. Vielmehr wird darin auch deutlich, dass man in der gemeinsamen Analyse darum bemüht war, vorgebrachte Lesarten anzunehmen und zu verstehen, ohne sie abzuwerten, und schließlich zu einer kollektiv geteilten Lesart (in diesem Fall „die Rettung“) zu kommen. 

3.2 „Hedonistische“ Tendenzen

Deutungen anderer Ausschnitte, wie etwa Abbildungen von verschiedenen alkoholischen Getränke und daran angebundene Schriften wie „Wo geht die Post ab?“, „Wer auch noch feierte“ oder „Wilde Sause“ (s. Abb. 5), waren dagegen schneller festgelegt und einhellig diskutiert. Dabei werden die Beliebigkeit sowie der grobe Zuschnitt von Motiven für Genussmittel (alkoholische Getränke, Kaffee, Grillfleisch) relativ schnell hinterfragt und als „distinguiert[er]“ Geschmack markiert, der beispielsweise an der zugeschriebenen Ästhetik der ausgewählten Motive festgemacht wird (z.B. dem Stil der Gläser). 

Dieser Bereich der Collage wird grundlegend mit Ausgelassenheit durch gemeinsames Feiern, Essen und Trinken assoziiert und relativ schnell von einigen Personen aus der Gruppe als die „hedonistische Ecke“ definiert. Damit wird jedoch nicht nur die positive Seite des lustbetonten Konsums widergespiegelt, sondern auch der belastete Umgang mit Herausforderungen, die auf die Uni als Arbeitskontext bezogen wird, etwa mit dem handschriftlich angepassten Ausschnitt „Alkohol gegen den Uni-Frust!“ aufgegriffen: 

Also es hat schon eher so was von, wir trinken, um mit irgendwas umzugehen und gemeinschaftlich irgendwie zu sein und nicht so sehr wir zeigen jetzt, was wir für ausgewählte Dinge zu uns. Das, glaube ich, geht eher um das Trinken und Gemeinschaftliche.“

Über die mit den Motiven verbundenen Praktiken der besagten Gemeinschaft wird offengelegt, dass individuelle Belastungen im eigenen Arbeitskontext auch adressiert und gemeinsam bearbeitet werden können. Die Ecke knüpft somit nicht nur räumlich in der Collage unmittelbar an den oben explizierten Bereich zu Gemeinschaft(lichkeit), Zusammenarbeit und Atmosphäre an, sondern wird auch in der Reflexion thematisch in einen Zusammenhang gebracht: „Vielleicht hat sich das auch ergeben, weil man wusste, dass das Arbeiten am Fachgebiet immer auch was nicht Inhaltliches hat. Also vielleicht in anderen Kontexten wäre es vielleicht auf einer inhaltlichen Ebene“. In dieser subtilen Gegenüberstellung zu den nicht näher konkretisierten „anderen Kontexten“ scheint gewissermaßen die Vorstellung von einem Fachgebiet durch, das seine (akademischen) Grenzen überwindet und auch Raum für über das Inhaltliche hinausgehende bietet.

3.3 Fachliche Perspektiven

Bei der Anordnung der Ausschnitte entlang der fachlichen Perspektiven am Fachgebiet orientierte sich die Gruppe an zwei zentrale Themenblöcke, die im Bildgespräch vertieft werden: Als Erstes markieren Fragen der Gesellschaft und politischen Bildung im oberen linken Bereich der Collage (Abb. 6) den inhaltlichen Kern der fachlichen Arbeit, etwa anhand von Ausschnitten wie „DEMOKRATIE IST KEINE SELBSTVERSTÄNDLICHKEIT“, „Die großen Fragen unserer Zeit“, „NUR MIT UNS GEHT BILDUNG WEITER“, „Politische Bildung muss Spaß machen dürfen“. Auffällig wird, dass bei diesen Phrasen, die die inhaltliche Ausrichtung des Fachgebiets widerspiegeln sollen, ein Pathos durchscheint, der hohe Ansprüche an die forschenden Personen stellt: „Ist auch relativ aufgeladen, so das ähm das Inhaltliche, ne? also dieses die großen Fragen unserer Zeit und ‚wo aus Ideen Bücher werden‘, ‚tiefer blicken‘ also schon // pathetisch // (..) Mh ja. Ne also schon es geht irgendwie um was.“. 

Deutlich wird dabei, dass hier auch „ganz viel Inhalt und ganz viel Aktivität und ganz viel äh Mut dahinter [steckt], sich mit Themen, die Themen auch wirklich kritisch anzueignen“. Forschung wird demnach auch ausgehend ihrer Verstrickung in gesellschaftliche Macht- und Herrschaftsverhältnisse mit politischem Engagement verbunden. Im Gegensatz zu anderen Bereichen in der Collage ist dieser Bereich von einer sichtbar geringen Dichte an Text- und Bildmaterial gekennzeichnet, was sinnbildlich für eine „Offenheit gegenüber dem Inhaltlichen“ und gegen eine Limitierung der inhaltlichen Perspektiven stehen könnte: „Diese Zwischenräume lassen ja auch noch mal zu, Dinge nicht so eng zu fassen.“ Andererseits könnte in dieser diffus anmutenden inhaltlichen Breite auch eine Überforderung im eigenen Anspruch gelesen werden. In diesem Zusammenhang wird die präsent platzierte Klopapierrolle als Mittel gedeutet, „den Mist an Dingen, die wir vielleicht auch selbst produziert haben, oder Sachen, die ähm äh die schief laufen […] auch wieder weg[zu]wischen“ und damit die „Pluralität an inhaltlichen Perspektiven“ im Sinne von Erprobungschancen produktiv aufzugreifen.

Rechts hieran anschließend lassen sich als Zweites Bezüge zur Habitus- und Milieuforschung erkennen, woran eine theoretische wie auch methodisch-methodologische Klammer des Fachgebiets nachvollzogen werden kann. Ausschnitte mit Begriffen wie „Muster“, „Kontraste“, „tiefer blicken“ oder Aussagen wie „versuchen Sie wirklich zu verstehen“, „Begründen Sie Ihren Standpunkt“ „Alles eine Frage des Geschmacks“ dienen hier als Schlüsselwörter für den hier angespielten Ansatz Habitushermeneutik und im Spezifischen für die mit ihm verbundene ‚verstehende Haltung‘. Dass diese Schlüsselwörter erst entschlüsselt werden müssen wird von einer Person als Herausforderung eines „theoretische[n] Insider*innenwissen[s]“ hervorgehoben: „N n Teil von dem Inhaltlichen is irgendwie so ohne ohne Einblick in in das äh den theoretischen Background glaub ich überhaupt nich zu verstehen“. Der Blick auf die Themen erscheint durch die theoretische Brille der Habitus- und Milieuforschung mitstrukturiert, wodurch die Frage aufkommen kann, wie sehr dann auch eine „Offenheit gegenüber dem Inhaltlichen“ immer möglich ist.

Des Weiteren wird im Bildgespräch entfaltet, welche Bedeutung den fachlichen Perspektiven im Hinblick auf die Vergemeinschaftung zukommt. Sie stellen einen Orientierungspunkt für die Gruppe und bilden hier eine Verbindungslinie zur gemeinschaftlichen Dimension der Arbeit am Fachgebiet (siehe Thema 1): 

„Es gibt in diesem Team einen inhaltlichen Fokus. Also ds gibt ne ähnliche Herangehensweise, ne? also ja schon, dass sich diese Methode durchzieht. Also is ja schon schon homogener. Also man sieht jetzt nich, also es könnte ja im Team auch sein, dass es dann irgendwie noch mal ne andere ähm Perspektive auch auf politische Bildung geben könnte, ne? Irgendwie äh die halt auch anders theoretisch fundiert is oder so, aber da äh das wär halt auch irgendwie son son son Argument äh dafür, auf dieses Gemeinschaftliche zu gucken, ne?“.

Das Verhältnis zwischen den fachlichen Perspektiven und dem Gemeinschaftlichen gleicht dabei dem klassischen ‚Henne-Ei-Problem‘: Die Gemeinschaft, die in Bezug auf den Collagenbereich unten links als Basis für die Auseinandersetzung mit den spezifischen Inhalten herausgearbeitet wurde, kann sich so auch als Ergebnis der Arbeit mit einer ähnlichen Herangehensweise und Methode erweisen. D.h. aus der Auseinandersetzung mit den Inhalten heraus formiert sich hier eine Gemeinschaft, womit gleichermaßen auch wieder die Frage aufgeworfen werden kann, wer Zugang zu dieser Gemeinschaft hat und mit welchen Selbstverständlichkeiten dieser Prozess einhergehen kann. Mit Blick auf die Anordnung der beiden in Relation zueinanderstehenden Bereiche in der Collagefällt auf, „wie weit das [Gemeinschaftliche, d. A.] weg ist vom Inhaltlichen“ und ein Weg von dem einen zu dem anderen über das „Hedonistische“ führt. Im weiteren Gesprächsverlauf wird eine die Verbindung zwischen Gemeinschaft und Inhalten auch über die zentrale Position von Helmut Bremer hergestellt. Hervorgehoben wird dies zuletzt damit, dass „Helmut auch die Verbindung oder die Speerspitze zu den Inhalten [ist]“, was zum nächsten zentralen Thema der Collage führt.

3.4 Das Herzstück der Collage: Helmut Bremer

Den Mittelpunkt der Collage bildet der Adressat, dessen Verabschiedung der Anlass dieser Zusammenkunft ist. Als Fachgebietsleitung wird Helmut Bremer die, wenn auch nicht auffallend, zentrale Stellung in der Collage zugewiesen und mit wertschätzenden und humorvollen Attributen („BABO“, „HERZ-ALLERLIEBST“, „YOU SEXY THING“, „C‘est super“, „Überflieger“) geschmückt. Seine Person wird zudem zu den der Gruppe bekannten persönlichen Interessen von ihm wie Fußball, das TV-Format „Dschungel-Camp“ oder Sportwagen in Verbindung gesetzt. Dieses Arrangement irritiert keineswegs, denn: 

Abb. 6.: Das Herzstück der Collage

was für mich immer so ein bisschen mitschwang bei dieser Collage, dass diese Collage ja auch für Helmut irgendwie gemacht ist. Sie ist ja nicht über Helmut, sondern es ist ja eigentlich auch ein persönliches Geschenk und irgendwie seine Arbeit noch mal irgendwie hier so ein bisschen humoristisch gebrochen irgendwie noch mal zu wiederholen usw. also, dass da dann auch diese, ja, lobhudelnde Nettigkeiten usw. irgendwie da drin halt noch mal vorkommen.

Gebrochen werden diese Ehrungen mit dem kleinen Ausschnitt eines Zeitschriften-Covers mit der Aufschrift „Manchmal bist du ein richtiger Arsch“, über die womöglich versucht wird, die Glaubwürdigkeit der Nettigkeiten zu bewahren, indem nicht nur positive Seiten aufgegriffen werden: 

A: […] Es sollte auch ein Element geben von ‚Man ist auch nicht immer einer Meinung‘. 
B: Und dann ist man ein Arsch? 
C: Für manche Leute (.) vielleicht.
A: War es einfach auch mal lauter. Das ist ja auch die Frage, wie man Arsch verwendet. Manchmal wird das ja auch, Arsch sehr locker in unterschiedlichen Kontexten gesagt. Du Arsch oder so (..) Und ein Überflieger, auch Herzallerliebst und Wunderkind. Genau, Starpotential. (..) Also irgendwer, den wir bewundern, der fliegt.“

Die Aufnahme dieses kritischen Einwurfs in die Collage „zeigt, finde ich schon, dass Helmut ganz gut über sich selbst lachen kann und sich nicht so ernst nimmt“ und verweist somit auf ein vertrauensvolles Verhältnis zum Adressaten, an den man Kritik oder auch konträre Perspektiven herantragen kann. 

Zuletzt wird seine zentrale Position darüber erklärt, dass „der ja eigentlich der verbindende, die verbindende Person ist. Wir haben ja fast alle Helmut in Lehrveranstaltungen kennengelernt. Also unser erster Kontakt war ja meistens mit Helmut irgendwie (?)“. Helmut Bremer erhält damit gleichermaßen die Funktion eines ‚gatekeepers‘, die über den persönlichen Kontakt mit Studierenden als potentiell zukünftige Mitarbeitende zum Tragen kommt und einen Weg in die Gemeinschaft bzw. in das Fachgebiet erklärt. 

4. Schlussbetrachtung

Die gemeinsame Arbeit an der Collage zur Frage „Was verbinde ich mit dem Fachgebiet Erwachsenenbildung/politische Bildung?“ und das daran sich anschließende Bildgespräch im Sinne einer ‚Selbstinterpretation‘ in der Gruppe eröffnete vielfältige Perspektiven auf das Arbeiten und Leben am Fachgebiet, die ihren Ausdruck nicht nur über Verbalisierungen finden müssen, sondern sich auch über das Bildliche erst entfalten können. Dieser methodische Zugang kann dabei helfen, „verborgene Empfindungen, Wünsche, Ängste und emotionale Erfahrungen zur Sprache zu bringen“3Bremer, Helmut & Teiwes-Kügler, Christel (2012). Gruppenwerkstatt. In Burkhard Schäffer & Olaf Dörner (Hrsg.), Handbuch Qualitative Erwachsenen- und Weitebildungsforschung. Verlag Barbara Budrich, S. 367 und für eine bewusste Reflexion zugänglich machen. Die Herausforderung dabei lag in der Doppelrolle, die jede*r in der Gruppe in diesem eher experimentellen Vorgehen zwangsweise einnahm: Alle an der Collage Beteiligten waren Gestalter*innen und Auswerter*innen zugleich. Angelehnt an das hermeneutische Vorgehen der Habitus-Analyse4Bremer, Helmut, Teiwes-Kügler, Christel & Lange-Vester, Andrea (2019). Habitus-Hermeneutik. In Ralf-Torsten Kramer & Hilke Pallesen (Hrsg.), Lehrerhabitus. Theoretische und empirische Beiträge zu einer Praxeologie des Lehrerberufs. Verlag Julius Klinkhardt, S. 263–284. forderte dieses Vorhaben daher alle Beteiligten nochmal besonders dazu auf, sich um einen distanzierten und ‚verstehenden‘ Blick auf die Collage zu bemühen. Am Ende dieser Deutung Die Erfahrung war neu, ungewohnt und brachte die Erkenntnis hervor, dass es auch in einem mehrheitlich als eng wahrgenommenen Team unterschiedliche Deutungen, Einschätzungen und Wünsche gibt, wie so eine Collage gestaltet werden soll und welche Themen wie viel Raum finden. Möglich ist auch, dass in diesem Experiment einiges noch ungesagt blieb oder anders eingeordnet werden könnte. Und dennoch nehmen wir hieraus mit: Der Austausch in diesem Rahmen brachte wieder etwas Gemeinschaftliches hervor. Sei es über das kollektive Aushandeln von Deutungen, das Thematisieren von subjektiven Relevanzsetzungen, die Offenheit, sich irritieren zu lassen oder das gegenseitige Bestärken. Folgendes Resümee bringt dies zum Ausdruck:

Es ist immer wieder so eine Ironisierung, so eine Art Sarkasmus. Ähm, ähm, genau. Es ist nicht immer alles nur so shiny und ernst und ich finde noch mal so also ja, es ist eine Pluralität an inhaltlichen Perspektiven, aber es ist auch irgendwie so eine Art gemeinsam, wie wir wie Gesellschaft gesehen wird. Und da finden sich ja Dinge aus dem Gruppenhabitus, wenn man so will, wieder.“

Das Fachgebiet bietet Gemeinschaft und ermöglicht die fachliche Arbeit an gemeinsamen Themen. Helmut hier die Rolle einer verbindenden Instanz einnehmen und zugleich einen Schritt zurücktreten, um Impulse weiterzugeben, unterschiedliche Stränge zusammenzuführen und Raum für unterschiedliche Perspektiven zu lassen. Daraus nehmen wir einiges mit für die weitere Arbeit, die Auseinandersetzung mit unseren Themen und das Team als Kollektiv und ‚Gegenort‘. 


Zu den Autor*innen

Catrin Opheys ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fachgebiet Erwachsenenbildung/Politische Bildung an der Universität Duisburg-Essen. Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen im Themenfeld von Politischer Bildung und Partizipation, diskriminierungskritischer und ungleichheitssensibler Bildung, Habitus- und Milieuanalyse sowie Studierendenforschung.

E-Mail: catrin.opheys@uni-due.de

Songül Cora ist am Fachgebiet Erwachsenenbildung an der Universität Duisburg-Essen tätig. Forschungsschwerpunkte bilden Niedrigschwelligkeit in der politischen Bildung, Adressat*innen und Teilnehmende der politischen Bildung, soziale Ungleichheit und politische Partizipation sowie Habitus- und Milieuanalyse.

E-Mail: songuel.cora@uni-due.de


Verweise

  • 1
    Bremer, Helmut & Teiwes-Kügler, Christel (2012). Gruppenwerkstatt. In Burkhard Schäffer & Olaf Dörner (Hrsg.), Handbuch Qualitative Erwachsenen- und Weitebildungsforschung. Verlag Barbara Budrich, S. 363–380.
  • 2
    Arens, Marion, Möllmann, Ariane, & Trumann, Jana (2017). Von der Utopiewerkstatt zur zukünftigen Stadtgestalt. (FGW-Impuls Integrierende Stadtentwicklung, 21). Forschungsinstitut für gesellschaftliche Weiterentwicklung e.V.
  • 3
    Bremer, Helmut & Teiwes-Kügler, Christel (2012). Gruppenwerkstatt. In Burkhard Schäffer & Olaf Dörner (Hrsg.), Handbuch Qualitative Erwachsenen- und Weitebildungsforschung. Verlag Barbara Budrich, S. 367
  • 4
    Bremer, Helmut, Teiwes-Kügler, Christel & Lange-Vester, Andrea (2019). Habitus-Hermeneutik. In Ralf-Torsten Kramer & Hilke Pallesen (Hrsg.), Lehrerhabitus. Theoretische und empirische Beiträge zu einer Praxeologie des Lehrerberufs. Verlag Julius Klinkhardt, S. 263–284.