Mark Kleemann-Göhring erinnert sich in einem nostalgischen Rundgang an die Anfänge des Fachgebiets von Helmut Bremer an der Universität Duisburg Essen. Er zeichnet nach, wie sich aus einem „Auswärtsspiel“ Schritt für Schritt ein Heimspiel entwickelte. Im Mittelpunkt stehen die prägenden Jahre des Aufbaus. Impulse in Forschung und Lehre (u. a. Bourdieu, politisches Feld) sowie die Transferwege in die Weiterbildungslandschaft NRW.
Neulich war ich zu Besuch in Essen. „Mark, wie war das damals eigentlich, als ihr hier angefangen habt?“ – das haben mich Helmuts Mitarbeitende gefragt, die nach meiner Zeit am Fachgebiet dazugekommen sind. Und während ich noch kurz überlegte, merkte ich: Die Antwort ist eigentlich kein Satz. Die Antwort ist ein Weg. Also sind wir losgezogen – zu einem kleinen nostalgischen Spaziergang.
Es ging los 2009. Ich kam nach Essen, kurz nachdem Helmut seine Professur hier angetreten hatte. An unserem Startpunkt R09, inzwischen komplett durchrenoviert, sind unsere damaligen Büroräume nicht mehr auffindbar. Erinnern kann ich noch, dass unsere Büros gegenüber einem der seinerzeit weniger beliebten Seminar lagen. Der Seminarraum in Mittellage zwischen zwei Fluren, deshalb ohne Fenster, dafür mit umso mehr Betrieb. Es war, wie häufig bei einem Neuanfang: überschaubare Ressourcen, kurze Wege, viel Improvisation.


Der nächste Halt auf unserem Spaziergang war die Mensa. Helmut kannte keine Mittagspausen. Für mich war das Mittagessen dagegen eine feste Tagesroutine. Also habe ich ihm diese Mensa-Zeit irgendwann ganz pragmatisch „aufoktroyiert“. Was als persönliche Marotte begann, hat sich erstaunlich hartnäckig gehalten: Was als Routine begann, ist bis heute Fachgebietskultur.
Und natürlich ging es dort nie nur ums Essen. In der Mensa wurden Vortrags- und Publikationsideen gebrainstormt, Uni-Gossip verhandelt, der Bundesligaspieltag Revue passiert – und ganz nebenbei Habitusmuster im Dschungelcamp analysiert.



Wenn wir fertig waren, war das Gespräch meistens noch lange nicht beendet. Dann ging es weiter in die „Brücke“, ein studentisches Café, das für uns so etwas wie die Verlängerung der Mensa war. Laut Helmut gibt es dort den besten Cappuccino – das gilt bis heute als eine normative Setzung.
Abb. 4 und 5: Verlängerung in der Brücke
Und genau zwischen Mensa und Brücke entstand dann auch die Idee zu einem gemeinsamen Seminar mit dem Titel: „Symbolische Gewalt und politisches Feld“. Das Seminar hinterließ viele Spuren. Die Recherchen und der Austausch hierzu sollten das ‚Arbeiten nach Bremer‘ ganz wesentlich prägen.
Aus der Perspektive der politischen Bildung entwickelten wir Pierre Bourdieus Ideen zum politischen Feld weiter. Daraus wurde schnell mehr, als wir diese Heuristik auf dem DGfE-Kongresses in Mainz (März 2010) vorstellten und diese Ideen später in den Hamburger Heften zur Erwachsenenbildung (I/2010) verschriftlichten. Graue Literatur, klar. Aber im Rückblick war es ein Aufschlag, dem viele weitere Vorträge, Texte und Forschungsideen gefolgt sind.
Dass das Seminar verfing, zeigt auch, dass bspw. Felix Ludwig und Farina Wagner lange Weggefährt*innen von Helmut – hier als Studierende mit diesem Ansatz erstmalig in Kontakt kamen und hierüber später auch ihren Einstieg in die Wissenschaft fanden.


Unser Spaziergang führt uns nun vom Campus in Richtung Innenstadt. Denn damals, wir waren am Campus eigentlich noch nicht einmal richtig angekommen, da wurde uns schon verkündet, dass die Bildungswissenschaften wegen Umbau- und Renovierungsarbeiten den Campus verlassen müssen.
Helmut und ich hielten uns nach der ersten Besichtigung eher still zurück. Nicht aus Gleichgültigkeit, eher der leisen Einsicht folgend: Veränderung muss nicht immer schlecht sein. Die Flächen waren modern, offen – und vor allem: für unser im Aufbau befindliches Fachgebiet räumlich abgegrenzt.
Natürlich: Diese zentrale Lage direkt am Einkaufszentrum versprühte keinen studentisch-akademischen Charme. Aber sie war schlichtweg praktisch. Der Weg zum Bahnhof wurde kürzer, die Wege wurden einfacher, der Alltag effizienter.
Der Foodcourt im Konsumtempel ersetzte immer öfter die Mensa und einen mehr als passablen Cappuccino konnte man dort auch auftreiben. Wir kamen auch raus aus der Universität – und rein in die Weiterbildungslandschaft in NRW.

Zu Beginn recht unspektakulär: mit zwei kleinen Begleitforschungs- und Transferprojekten, „Potenziale I und II“. Später erschlossen wir hierüber als „echtes“ Projekt „Weiterbildungsberatung im sozialräumlichen Umfeld“ (WisU) – gemeinsam mit Farina Wagner.
In den Projekten ging es – heruntergebrochen – um eine Frage, die uns bis heute begleitet: Wie erreicht Weiterbildung Menschen und Milieus, die mit den klassischen Angeboten und Ansprachen wenig anfangen können? Das Projekt nahm bewusst „lebensweltliche Zugänge“ in den Blick, bezog Akteure aus dem Sozialraum ein und zielte darauf, neue Formate, Ansprachewege und Netzwerke zu entwickeln.
Für uns waren die Projekte der Türöffner zu verschiedenen Weiterbildungseinrichungen, Landesorganisationen und zur Bildungsadministration in NRW.

Aus dieser Phase sind Begriffe und Denkfiguren entstanden, mit denen Helmut (und wir als Fachgebiet) in NRW dann wirklich erkennbar wurden: die „Doppelte Distanz“, die Notwendigkeit aufsuchender Bildungsarbeit (weg von reiner „Komm-Struktur“, hin zur „Geh-Struktur“) und „Brückenmenschen“.
Wenn Bildung ein Auswärtsspiel ist, braucht es Leute, Orte und Formate, die den Eintritt erleichtern.
Die neuen Räume in unserem Flügel in den Weststadttürmen füllten sich schneller, als man „Zwischennutzung“ sagen kann. Studierende wurden zu studentischen Hilfskräften und wissenschaftlichen Mitarbeiter*innen.
Mit den Köpfen wuchs auch das wissenschaftliche Portfolio. Jana Truman brachte u. a. die subjektwissenschaftliche Perspektive Holzkamps mit – in der Hamburger Tradition von Peter Faulstich. Für Helmut war das kein Neuland, eher ein vertrautes Wiedersehen: Mit diesem Ansatz war er schon während seiner Habilitation an der Universität Hamburg in Kontakt gekommen.
Mit Christel Teiwes-Kügler und Natalie Pape kam noch mehr Hannover nach Essen. So entwickelte sich Essen zeitweise zum Außenposten des hannoverschen Vester-Ansatzes. Die Habitushermeneutik zog immer stärker ein in Forschung und Lehre mit geschärftem Blick für feine Unterschiede, Sinnschichten und das, was zwischen den Zeilen passiert.



Da inzwischen das Hannoversch-Münsteraner Auswärtsspiel zum Essener Heimspiel geworden ist, ist das ein guter Zeitpunkt den Rundgang mit einem Cappuccino ausklingen zu lassen. Ab hier sollten dann die jüngeren und neueren Kolleg*innen, die nicht nur „dazugekommen“ sind, sondern die das „Arbeiten nach Bremer“ bis heute weiterentwickelt haben, weitererzählen.

Zum Autor
Mark Kleemann-Göhring war von 2009 bis 2016 am Fachgebiet von Prof. Dr. Helmut Bremer an der Universität Duisburg-Essen tätig (ab 2009) und hat dort Lehre, Forschung und Transferprojekte mitgestaltet – u. a. an den Themen politischer Bildung, Habitusforschung sowie Bildung und soziale Ungleichheit. Heute arbeitet er bei der QUA-LiS NRW (Qualitäts- und UnterstützungsAgentur – Landesinstitut für Schule) in der Supportstelle Weiterbildung und verantwortet dort u. a. das Berichtswesen Weiterbildung NRW.
E-Mail: Mark.Kleemann@qua-lis.nrw.de
