Silke Schreiber-Barsch, Professorin für Erwachsenenbildung, nimmt eine essayistische Reflexion zu sogenannten ‚Flur-Milieus‘ an hochschulischen Orten vor. Ein Flur, so die Ausgangsthese, ist mehr als nur eine Aneinanderreihung von Steinen in Zimmerform. „Man muß relational denken“ (Bourdieu 1996) …und ‚Flur-Kollektive‘ bilden.
„Wer den Habitus einer Person kennt,
der spürt oder weiß intuitiv, welches Verhalten dieser Person verwehrt ist.
Mit anderen Worten: Der Habitus ist ein System von Grenzen.“1Bourdieu, Pierre (1992). Die verborgenen Mechanismen der Macht. VSA, S. 33.
1. Einführende Reflexionen zu ‚Flur-Milieus‘
Flure sind Teil der Materialität von Gebäuden und prägen insbesondere auch das Gebilde von Institutionen, wie dem einer Hochschule: Beispielsweise über die Etagen-Zuordnung eines Flures eher in Zentrum oder Peripherie eines Gebäudes, über die Aneinanderreihung von Zimmern, deren Größe und Lage Hierarchien oder Privilegien der Zimmerbewohner*innen spiegeln, über die Platzierung individualisierter Artefakte rund um die Türen der Zimmerbewohner*innen (Türschilder, Glaskästen, Poster usw.) und insgesamt über die sinnliche Wahrnehmung einer Flur-Atmosphäre, zusammengesetzt aus Lichtverhältnissen, Akustik der Stimmen und Schritte, offenen und geschlossenen Zimmertüren, dem (Nicht-)Vorhandensein einer einladenden Geste wie einer Sitzmöglichkeit zum Verweilen, und Ähnlichem. Flure sind mithin mehr als nur eine Aneinanderreihung von Steinen in Zimmerform. Um ihre Gestalt zu erfassen, braucht es den Blick auf Verknüpfungen und Wechselwirkungen aus Menschen, Strukturen, Symbolik und Materialität – „Man muß relational denken“, so Pierre Bourdieu.2Bourdieu, Pierre (1996). Die Praxis der reflexiven Anthropologie. Einleitung zum Seminar an der École des hautes études en sciences sociales, Paris, Oktober 1987. In Pierre Bourdieu & Loïc J.D. Wacquant, Reflexive Anthropologie. Suhrkamp, S. 262; Herv. i. Ori.
Die Bedeutung dieser Perspektive ist auch Grundlage der relationalen Raumsoziologie in Anschluss an Martina Löw3Löw, Martina (2001). Raumsoziologie. Suhrkamp.. Löw rekurriert auf Bourdieu mit der Ausweisung eines Beziehungsgefüges als Charakteristik sozialer Räume. Sie definiert Raum als ein sozial hergestelltes und prozessuales Phänomen, als eine „relationale (An)Ordnung sozialer Güter und Menschen (Lebewesen) an Orten“4Löw, Martina (2001). Raumsoziologie. Suhrkamp, S. 224; Herv. i. Orig., und erweitert die bei Bourdieu einseitig auf die Konstitution des Räumlichen durch das Soziale verlaufende Perspektive um die der strukturierenden Wirkung des Räumlichen auf das Soziale. Mit Löw lässt sich eine Hochschule als ein territorial bestimmbarer Ort benennen, an dem Lehr-/Lernprozesse institutionell bereitgestellt, pädagogisch durchgeführt und formal zertifiziert werden. An einem solchen Ort (re)produzieren und manifestieren sich zugleich unterschiedlichste soziale Räume.5Löw, Martina (2001). Raumsoziologie. Suhrkamp, S. 198. So wie Raum und Ort im Wechselverhältnis stehen und sich gegenseitig bedingen, treten in den relationalen (An)Ordnungen Subjekte, Strukturen, Symbolik und Materialität in ein immer wieder neu auszuhandelndes Wechselverhältnis, welches nie außerhalb von Gesellschaftssystemen und Machtverhältnissen zu fassen ist. Letztere deuten und bestimmen gesellschaftliche Normalitätserwartungen und Konventionen, die über sog. Raumordnungen – hinsichtlich dessen, wie bestimmte Räume auszusehen haben, wer diese nutzen darf, welche symbolische Wertigkeit ihrem Ort zugesprochen wird usw. – in Regeln und Institutionen eingeschrieben und durch Ressourcen abgesichert6Löw, Martina (2001). Raumsoziologie. Suhrkamp, S. 245. werden.
Flure ließen sich derart als sozial strukturierte Orte begreifen, die an einem territorialen Locus verortet sind und die zugleich über die dort vorgenommenen Besetzungen und Platzierungen, d.h. die je spezifische (An)Ordnung von Subjekten, Strukturen, Symbolik und Materialität, soziale Räume konstituieren. Diese Konstituierungsprozesse können mehr oder weniger bewusst verlaufen, mehr oder weniger sichtbar und mehr oder weniger umkämpft sein. Zur Aushandlung stehen institutionalisierte (An)Ordnungen mit ihren in Raumordnungen festgeschriebenen asymmetrischen Verteilungsprinzipien, die regelnd organisieren, dass „die Möglichkeiten, Räume zu gestalten oder zu verändern, ungleich verteilt“7Löw, Martina (2001). Raumsoziologie. Suhrkamp, S. 212. sind. Zugangs- und Zugriffschancen sowie Zugehörigkeiten zu Orten und Räumen werden in und durch Institutionen stetig reproduziert – bis hin zur Inkorporation der sich darin manifestierenden Denk-, Wahrnehmungs- und Handlungsschemata im Sinne des Bourdieu’schen Begriffs Habitus:
„Strukturprinzipien werden einverleibt und gehen als Wahrnehmungs- und Relevanzschema in den Habitus ein. Es entstehen objektivierte Muster der Wahrnehmung und des Ausdrucks, die die Unterwerfung unter die gemeinsame Wirklichkeit gewährleisten. […] Einschluß und Ausschluß muß deshalb in vielen Räumen nicht über Verbot oder physische Gewalt organisiert werden, sondern geschieht über Selbstausschluß durch Habituspräferenzen“.8Löw, Martina (2001). Raumsoziologie. Suhrkamp, S. 215.
Einerseits sind die Strukturprinzipien in dem Habitus als „System von Grenzen“9Bourdieu, Pierre (1992). Die verborgenen Mechanismen der Macht. VSA, S. 33. der Zimmerbewohner*innen eingeschrieben. Gleichwohl kann ein spezifischer Habitus auch das ‚Flur-Milieu‘ einer Institution mit strukturieren. Diese Wechselseitigkeit findet Ausdruck in spezifischen Praktiken von auszuhandelnden (An)Ordnungen: An welche Türen geklopft werden darf bzw. sollte, welche Lage und Größe des Zimmers dem eigenen Rang in der Institution entspricht, wie wichtig die Funktion von Türschildern oder Glaskästen sein kann, Territorien abzustecken und symbolische Bedeutung zu inszenieren und zu signalisieren.
2. Empirische Spuren an der UDE-Fakultät für Bildungswissenschaften: der Flur S06 S02
Welche empirischen Spuren von ‚Flur-Milieus‘ lassen sich exemplarisch an hochschulischen Orten nachzeichnen? Ziehen wir das Gebäude der Fakultät für Bildungswissenschaften der Universität Duisburg-Essen als Ort der Fachgebiete Politische Erwachsenenbildung und Erwachsenenbildung heran. Auf der Campus-Navigation wird das Gebäude als „S06“-Gebäude identifiziert. Das S steht für die Farbe ‚sandgelb‘ und das (mehr oder weniger) ‚sandgelb‘ gestaltete Gebäudeensemble und die 06 indiziert die Gebäudenummer.
Die ‚Flur-Milieus‘ des Gebäudes schließen materiell und atmosphärisch an die (An)Ordnung des Eingangsfoyers des Gebäudes S06 an:

Die insgesamt sechs Etagen sind der Länge nach mit jeweils parallel verlaufenden A- und B-Fluren geordnet, die an den Stirnseiten über kurze Verbindungsflure verfügen. So auch die 2. Etage (S06 S02), die neben einem Seminar- und Besprechungsraum vornehmlich Büros von Hochschulangehörigen beherbergt.
Der Blick auf empirische Spuren des ‚Flur-Milieus‘ auf der Etage S02 offenbart am Beispiel des B-Flures im Zeitverlauf zu beobachtende Veränderungen in den Platzierungen und Positionierungen von Artefakten im Flur; erkennbar im Vergleich zwischen 2023 und Anfang 2026:


Abb. 2 und 3: B-Flur der Etage S06 S02 im zeitlichen Vergleich (© eigenes Foto, 2023 und 2026)
Es zeigt sich eine Auflockerung der zuvor sehr reduktionistischen Atmosphäre auf die Grundeigenschaft eines Flures als Aneinanderreihung von Zimmern. Die Auflockerung entsteht durch bewusst hinzugefügte Artefakte, die sich einerseits an dominante Raumordnungen anpassen (u.a. Glaskästen entsprechend der Brandschutzordnung), andererseits aber auch Grenzverschiebungen (u.a. Poster zu wissenschaftlichen Themen an Türen, gerahmte Bilder) zwischen Zimmerbewohner*innen und der dominanten Raumordnung markieren. Grenzen werden eingehalten bzw. subversiv verschoben durch die Inkorporiertheit von (Nicht-)Wissen (Brandschutzordnung), aber auch durch den Zugang zu materiellen Ressourcen (finanzielle Mittel zur Anschaffung von Glaskästen).
Mit dem Blick auf den A-Flur derselben Etage wird dagegen erkennbar, wie die Verfügbarkeit von Tageslicht durch die Fensterfront eine Atmosphäre erzeugen kann, die im Kontrast zu ähnlichen räumlichen (An)Ordnungen ohne Fenster steht:

3. Ein Gruß der Zimmerbewohnerin in S06 S02 B30
Das Fachgebiet Erwachsenenbildung des Instituts für Berufs- und Weiterbildung ist im B-Flur der Etage S02, das Fachgebiet Erwachsenenbildung/Politische Bildung im A-Flur platziert. Getrennt durch kurze Verbindungsflure an den Stirnseiten, die in wenigen Sekunden durchschritten werden können – und deren Ortslage gleichwohl unterschiedliche Konsequenzen hat: mehr oder weniger Sonne (und Hitze im Sommer), mehr oder weniger Blick auf parkende Autos, mehr oder weniger Nähe zur Teeküche. Dazwischen liegt ein nicht zur Querung vorgesehener, bewachsener Innenhof, baulich getrennt durch die Glasdecke des Atriums der Etage S01. Somit werden die Zimmerbewohner*innen des A-Flurs und B-Flurs auf Distanz gehalten. Sehen und Zuwinken sind möglich, doch für echte Begegnungen muss mensch sich auf den Weg machen.
Ich danke Dir, lieber Helmut, dass von Beginn meiner Tätigkeit in Essen (2021) die physischen und gedanklichen Wege zwischen meinem Büro-Ort (S06 S02 B30) sowie Deinem Büro-Ort (S06 S02 A39) immer kurz und immer trittsicher waren, die Fachgebiete nicht nur inhaltlich inspirierend, sondern auch freundschaftlich verbunden sind und wir an dem Ort S06 einen tragfähigen sozialen Raum des kollegialen Verbunden Seins über ruhige wie stürmische hochschulische Gewässer hinweg haben knüpfen und gestalten können.
Merci und auf Wieder-Sehen!
Silke

Zur Autorin
Silke Schreiber-Barsch, Prof.in Dr.in, ist Professorin für Erwachsenenbildung am Institut für Berufs- und Weiterbildung der Fakultät für Bildungswissenschaften, Universität Duisburg-Essen. In der scientific community mit Helmut seit Hamburger Tagen kollaborativ verbunden, seit 2021 im Flur- und Fachgebietskollektiv.
E-Mail: silke.schreiber-barsch@uni-due.de
Website: https://www.uni-due.de/biwi/eb/
Verweise
